Interview im Main-Echo
Am 05.01.2018 wurde im Main-Echo folgendes Interview mit Martin Roos und mir veröffentlicht.
»Nichtstun ist keine verlorene Zeit«
Frau Appel, was ist Stress überhaupt?
Stress ist eine Aktivierungsreaktion des gesamten Organismus auf psychische oder körperliche Belastungen. Der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt und auf die Bewältigung der Situation vorbereitet. Ob eine Person in einer spezifischen Situation Stress empfindet, hängt neben der Häufigkeit, Dauer und Intensität des Stressors insbesondere von ihrer persönlichen Bewertung ab. Die Anpassungsreaktion bei Stress ist ein angeborener Mechanismus. Sinn der Stressreaktion ist ursprünglich die Lebenserhaltung durch einen Angriffs- und Fluchtmechanismus. Ist die Belastungssituationen nur von kurzer Dauer, ist Stress nicht gesundheitsschädlich. Dauerstress hingegen kann zu Ermüdungs- und Erschöpfungserscheinungen führen, die bis zum Zusammenbruch reichen können.
Wie kann man Stress als Alarmsignal erkennen, und welche Warnzeichen sollte man beachten?
Wichtig ist, zu erkennen, dass Stress zu unserem Leben gehört und richtig dosiert sogar positive Aspekte aufweist. Er spornt uns zu körperlichen Höchstleistungen an und ist somit Basis für Erfolgserlebnisse, Schwung und Vitalität. Folgen jedoch immer weitere Stressreize entsteht eine ständige Alarmbereitschaft, der sogenannte Dauerstress.
Was sind eigentlich die Symptome von Stress?
Die Symptome von Stress sind sehr vielschichtig. Sie können sich auf kognitiver, emotionaler und körperlicher Ebene äußern. Warnsignale können beispielsweise ständig kreisende Gedanken sein, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Unruhe, Nervosität, Gereiztheit, Verdauungsprobleme, Muskelverspannungen, Kopf- Rücken- Nackenschmerzen und Herzklopfen. Ein Warnsignal im eigenen Verhalten kann aggressives Verhalten anderen gegenüber sein. Konsum von Alkohol und Medikamenten zur Beruhigung sind ebenfalls Symptome.
Kann Stress auch zu einem ernsthaften gesundheitlichen Problem werden?
Ja, wer dauerhaft gestresst ist, hat ein höheres Risiko, an stressbezogenen Gesundheitsstörungen wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Angststörungen, Depressionen, Burnout oder entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma oder Störungen des Verdauungssystems zu erkranken.
Wer rastet, der rostet, heißt es im Volksmund. Langeweile ist out, und es muss immer etwas los sein. Ist dies auch ein Grund von Stress?
Ja, das mag auf viele Menschen zutreffen. Sie laufen durch ihr Leben und sehen nur, welche Aufgaben noch auf sie warten. Wichtig ist eine gesunde Balance zwischen Aktivitäts- und Erholungsphasen zu finden.
Wenn der Weg aus dem Stress aus eigener Kraft nicht möglich ist. Sollte man sich professionelle Unterstützung holen?
Ja, um Denkstrukturen, Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern, braucht man unter Umständen professionelle Unterstützung. Dies ist in Kombination mit anerkannten Entspannungsverfahren wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung sehr zu empfehlen. Sollten jedoch bei Personen bereits schwerwiegende psychische und physische Symptome auftreten, sollte medizinischer Rat eingeholt werden.
Warum ist es wichtig, in der Hektik des heutigen Alltages den belastenden Stress abzustreifen und sich einmal eine Auszeit zu nehmen?
Jeder Mensch tut gut daran, einen ausgewogenen Wechsel von Stress und Entspannung zu finden. Dies ist gesundheits- und leistungsfördernd.
Es gibt heute Modekrankheiten wie Burnout. Ist das auch eine Auswirkung von Stress?
Die Ursachen für ein Burnout-Syndrom können sehr vielfältig sein. Meist beginnt Burnout mit einer zu hohen Arbeitsbelastung, Stress und Selbstüberforderung. Besonders Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein, Perfektionismus und Ehrgeiz sind gefährdet. Unter anderem spielen auch Vorerkrankungen und Vorbelastungen eine Rolle. Burnout ist sehr ernst zu nehmen und wird uns noch viele Jahre beschäftigen.
Was halten Sie davon, einfach mal nichts zu tun?
Ganz viel. Für viele Menschen ist Nichtstun Zeitverschwendung. Manch einer bekommt sogar Schuldgefühle, wenn er sich seine Auszeit nimmt. Entspannung und Zeit für sich selbst zu nehmen ist jedoch wichtig. Nach Ruhe- und Erholungsphasen sind wir leistungsfähiger, daher ist das Nichtstun keine verlorene Zeit, sondern sehr nützlich. Wie sagte schon der Chinesische Philosoph Laotse: »Im Nichtstun bleibt nichts ungetan«.
Martin Roos